Die schwarz – weiße Bestie

Im Oktober letzten Jahres haben wir uns dazu entschieden Mümmel, ein schwarz- weißes Holländer-Kaninchen aufzunehmen. Mümmel hatte bis dahin in dem Museum, wo ich arbeite, gelebt. Über den Winter wird das Museum geschlossen und alle Tiere müssen weg. Esel und Hühner kommen in einen anderen Museumsteil, die „geleasten“ Schafe gehen zurück an den Besitzer und die Kaninchen werden geschlachtet. Nun hatte ich mich aber den Sommer über mit einem Kaninchen angefreundet. Der kam nämlich immer zum Gitter gehoppelt und hat immer den Kontakt gesucht. Ab und an hat er mich schon mal angebrummt, aber das wurde (mal wieder) gekonnt ignoriert.

Jetzt war noch das größte Problem Benni zu überreden. Der fand das auch mal so gar nicht toll. Wir erinnern uns: Benni war der, der gegen so ziemlich alles allergisch ist. Da kommt bei einem Kaninchen schon so einiges zusammen: Einstreu, Stroh, Heu und Kaninchenfell. Wir sind dann zusammen ins Museum gefahren, um uns den Übeltäter mal gemeinsam aus der Nähe anzusehen. Was soll ich sagen? Benni wurde mit totaler Ignoranz gestraft. Kein zutraulicher Hase, der ans Gitter gehoppelt kam. Bennis Begeisterung war das nun nicht unbedingt zuträglich. Am Ende haben wir Mümmel dann trotzdem aufgenommen.

Da Mümmel nun nicht zu uns in die Wohnung ziehen konnte und wir im Winter auch eher selten im Garten sind, durfte er zunächst einmal in den alten Frettchen-Stall bei meinen Eltern einziehen.

Die erste Begegnung zwischen Moppel und Mümmel verlief in etwa so: Hund rennt an dem- wie er denkt- leeren Stall vorbei, um sein Frisbee zu holen. Hase erschreckt sich, weil ein Wolf an seinem Stall vorbeiläuft und macht vor lauter Schreck einen Satz quer durch den Stall. Hund erschreckt sich, weil sich da was bewegt hat, verliert sein Frisbee und macht, mit eingezogenem Schwanz, einen großen Bogen um den Stall. Nachdem er sich kurz bei uns erholt hatte, hat dann doch seine Neugier gesiegt und er ist mal ganz vorsichtig gucken gegangen, was denn da drin ist. Paule, unser Frettchen, fand er immer etwas unheimlich. Nachdem er einmal angefaucht worden war, stand der arme Hund immer schleckend und Blickkontakt vermeidend vor dem Stall. Ganz klar, wer die Hosen anhatte. Mümmel konnte ihm nun nicht so leicht Angst machen. Vielmehr wurde das arme Kaninchen von nun an genau beobachtet und wenn er mal hin und her hoppelte, so kontrollierte Moppel, dass der Stall auch dicht war.

Über den Winter freundete sich auch Benjamin mit Mümmel an- mehr als ich es erwartet hatte. Und zu Ostern zog der verrückte Hase dann tatsächlich zu uns in den Garten. Warum verrückter Hase? Wenn Moppel ein anderes Tier wäre, dann wäre er ein schwarz- weißes Holländer-Kaninchen mit dem Namen Mümmel.

Mümmel ist fürchterlich neugierig, aber auch mindestens genauso ängstlich. Er kommt zwar bis zum Gitter und macht auf sich aufmerksam, aber anfassen lässt er sich nur sehr ungern. Wenn er nix mit sich anzufangen weiß, hoppelt er durch den Stall und brummt vor sich hin. Fremde werden auch schon einmal angeknurrt. Seine Buddelkiste hat er innerhalb von 5 Minuten komplett auseinander gebaut. Ein zweiter Versuch ihn zu beschäftigen ging genauso schief. Dabei hatte ich eine Möhre aufgehängt. Was macht der Hase? Er knabbert einfach den Strick durch. Außerdem ist er definitiv paranoid. Wir sitzen im Garten und alles ist mucksmäuschenstill. Aus dem Nix heraus kriegt der Hase fürchterlich Panik und springt wie wild hin und her. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Das nächste Haustier sucht Benni aus.

Moppel ist der Meinung, dass er am Kaninchen seinen inneren Hütehund auslassen kann. Ich finde es nicht so toll, wenn ein hypnotisierter Hund vor dem Stall liegt und nur widerwillig auf Kommandos reagiert, die nichts mit dem Hasen zu tun haben.

Deswegen versuchen wir jetzt, Moppel beizubringen, dass an so einem Hasen nichts Besonderes ist. Als erstes wurden ihm alle Kaninchenohren entzogen. Als nächsten Schritt haben wir Mümmel in seinen Freilauf gesetzt und mit Moppel Futtersuchspiele davor veranstaltet. Dummerweise ist der Hase ein genauso großer Drecksack wie der Hund. Der war nämlich auf einmal der Meinung, den Hund ärgern zu müssen und hat Männchen gemacht, gebuddelt und ist doof in der Gegend rumgerannt. Man konnte Moppels Gehirn arbeiten sehen, was ihm nun wichtiger ist: Futter oder Hase beobachten. Er hat sich zwar für das Futter entschieden, aber der Hase wurde genau beobachtet.

Zweiter Versuch: Ich wollte mich langsam mit Moppel im Fuß an das Freilaufgehege vor arbeiten. Doof nur, dass Moppels Gehirn vollständig abgeschaltet hatte. Zwischenzeitlich hatte ich Angst, dass ihm das Hirn platzt, weil er sich nicht mehr zwischen Gehorsam und Ungehorsam entscheiden konnte. Irgendwann hatten wir uns dann auf 5 Meter rangearbeitet. Das war Moppel dann viel zu unheimlich. So nah an dem Hasen vorbei. Da hat er einfach mal die Seite gewechselt und war auch mit gutem Zureden nicht mehr in die eigentliche Fußposition zu bewegen. Dafür ist er sehr gut auf der anderen Seite gelaufen. Das passiert auch nicht so oft. Da muss man schon mal zufrieden sein.

Am Ende habe ich mich einfach mit dem total verwirrten Moppel vor das Gehege gesetzt. Ab und an durfte er ein bisschen Futter suchen. Aber die gemachten Beobachtungen waren wirklich erstaunlich. Sobald Mümmel in unsere Richtung schaute, fing Moppel mit allen seinen Möglichkeiten an zu deeskalieren. Er schleckte und schaute weg. Es fehlte nur noch, dass er sich auf den Rücken schmiss. Es ist wirklich erstaunlich, dass er bei anderen Hunden nicht mal auf die Idee kommt zu deeskalieren, aber bei artfremden Tieren, die keine Ahnung haben, was er da tut. Manchmal muss ich echt an seiner Intelligenz zweifeln. Wenn Mümmel anfing zu buddeln oder wild rumzuspringen oder sich auf seine Hütte setzte, warf mir Moppel einen Blick zu à la „Darf der das?“ bevor er weiter versuchte zu deeskalieren. Drehte sich Mümmel aber um, war Moppel sofort wieder im „Hasenkino“ gefangen. Einmal wagte er sich ganz vorsichtig bis ans Gitter und schnupperte Mümmel am Hintern. Dummerweise drehte sich der Karnickel um und Moppel musste sein Leben mit einem Hechtsprung retten. Ich bin wirklich froh, dass er Mümmel im Zweifel wahrscheinlich nichts tun würde. Aber was zum Teufel ist bei Moppel schief gelaufen? Er ist der Wolf und Mümmel der Hase. Ich kenne keine Geschichten von Wölfen, die vor Hasen abhauen.

Am Ende des Tages war Moppel jedenfalls fürchterlich müde. Mümmel wirkte unbeeindruckt. Er hat einfach weiter gefressen. Da müssen wir wohl noch ein bisschen weiter üben, bis die schwarze Bestie keine Angst mehr vor der schwarz-weißen Bestie hat.

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