Therapiehund in Ausbildung

Es gibt etwas zu feiern! Meine Uroma ist 97 Jahre alt geworden. Das ist schon ein beträchtliches Alter und ich muss zugeben, dass ich nur so alt werden möchte, wenn Benni und Moppel dann auch noch da sind. Ich bin auch sehr dankbar, dass meine Oma Ilse noch da ist. Bis ungefähr zu meinem 7. Lebensjahr haben wir direkt neben ihr gewohnt und ich konnte sie besuchen, wann immer ich wollte.

Mittlerweile ist sie leider nicht mehr so fit wie früher. Bis zu ihrem 80. Geburtstag ist sie noch täglich Fahrrad gefahren. Heute kümmern sich meine Mutter und ein Pflegedienst um sie.

Als Moppel bei uns einzog, kam sie noch regelmäßig zu Geburtstagsfeiern und verbrachte den Tag mit uns. Sie mochte Moppel sofort. Er fand sie seltsam, da sie etwas gebückt ging und einen Gehstock dabei hatte. Aber aus irgendeinem Grund hat er sie nie angebellt oder angesprungen. Er war bei ihr immer die Ruhe selbst. Oft hat er sich bei Geburtstagen unter ihren Stuhl gelegt. Ich vermute, weil dort ab und an mal ein Krümel herunter fiel. Er kannte sie also noch in einem relativ fitten Zustand.

Irgendwann stürzte sie dann in ihrer Wohnung und brach sich einen Arm. Von da an brauchte sie Pflege und sie fing an sich zu weigern, ihre Wohnung zu verlassen.

Wenn wir können, besuchen wir sie mit Moppel. Wenn er nicht dabei ist, fragt sie nach ihm. Wenn er dabei ist, so gilt ihre gesamte Aufmerksamkeit ihm.

Natürlich bereiten wir diese Besuche immer vor. Moppel muss dann seine neuesten Tricks vorführen. Alles was er kann. Oma sitzt dann in ihrem Sessel und lacht. Und sie redet. Seit sie die Wohnung nicht mehr verlässt, ist sie ruhiger geworden. Sie erlebt nicht mehr so viel. Die Tage an denen sie Fragen stellt und ein richtiges Gespräch führt sind weniger geworden. Wenn Moppel da ist, dann redet sie oft wie ein Wasserfall. Oft spricht sie auch direkt mit ihm.

Manchmal versinkt sie in Gedanken. Dann starrt sie an, aber auch das löst die Bestie in ihm nicht aus. Er guckt einfach zurück und legt den Kopf schief, dann muss sie immer lachen.

Ich muss zugeben, dass ich mit Moppels Erziehung nicht wirklich konsequent bin, wenn wir zur Oma gehen. Und die kleine Mistkröte weiß das ganz genau. Er zieht mich dann nämlich direkt erst einmal in die erste Etage bis zu Omas Haustür. Dann stürmt er in die Wohnung und freut sich den behaarten Hintern ab.

Bei Oma darf er auch um Essen betteln. Wenn sie isst, setzt er sich vor sie und lässt seinen Heiligenschein aufploppen. Oma darf ihm alles füttern, was sie gern möchte. Moppel hat schon Kekse bekommen, Leberwurstbrot, Salzstangen und noch so einiges anderes, was jedem Tierarzt die Haare zu Berge stehen lässt. Ich denke mir dann immer, dass er auch schon den Mülleimer auseinander genommen hat und noch lebt. Ich muss nur aufpassen, dass Oma nicht ihr ganzes Essen an den Hund verfüttert.

Da sie sich nicht traut, Moppel das Futter direkt zu geben, hebt sie immer ihren Arm und lässt es fallen. Das hat viele gute Seiten. Erst einmal ist es Physiotherapie für ihren Arm und zweitens macht Moppel dann Männchen, worüber sie sich wahnsinnig freut.

Manchmal setze ich mich dann zu ihr und nehme das schwarze Plüschtier auf den Schoß. Oma wuschelt ihn dann immer über den Kopf. Tatsächlich nimmt das unruhige Tier, das alles kommentiert, was ihm nicht passt, es ganz gelassen hin.

Es gibt nur einen Moment, wann ich Moppel bewusst aus der Situation nehme. Das ist, wenn Oma aufsteht. Das hat zwei Gründe. Erstens will ich nicht, dass Oma über den Hund stolpert und hinfällt und zweitens möchte ich nicht, dass sie Moppel durch ihren Gang irgendwie bedroht fühlt. Manchmal weiß man ja nicht, was in seinem Kopf vorgeht.

Das Moppel kein wirklicher Therapiehund ist, merkt man daran, dass er oftmals einfach viel zu hochgefahren ist. Einmal hat Mutti Oma ins Bett gebracht und Moppel noch einmal heran gerufen, damit er sich „verabschiedet“. Sie wollte, dass er mit den Vorderpfoten auf die Bettkante kommt. Dummerweise hat sie dazu zweimal auf das Bett geklopft. Was sie nicht wusste: zweimal klopfen ist das Signal für Moppel, dass er irgendwo hoch soll. Also sprang Moppel auf das Bett, quer über Oma und vor lauter Freude schleckte er ihr quer über das Gesicht, bevor er sich neben sie legte. Oma hat sich fürchterlich erschrocken und einen kurzen Schrei ausgestoßen. Moppel fand das komisch und schleckte nochmal. Zum Glück fand Oma das hinterher alles wahnsinnig komisch und noch heute erzählt sie manchmal davon.

Leider fanden das nicht alle in der Familie so lustig. „Ein Tier hat nix im Bett zu suchen. Wenn er sie gebissen hätte.“ Solche Menschen verstehen nicht, dass Tiere helfen können.

Moppel wird weder zur Physio- noch zur Ergotherapie eingesetzt. (Sollte jemand der Leser Tipps haben, wie Oma und Hund zusammen arbeiten können, so wäre ich sehr dankbar.) Er ist einfach da und erfreut Oma. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was Hunde leisten können. Völlig egal, ob sie nun verschüttete Menschen finden, oder Handyakkus erschnüffeln oder einfach nur da sind und ältere Menschen aufheitern. Und das kann jeder Hund. Moppel ist das beste Beispiel dafür.

Momentan liegt leider eine andere Oma von mir auf der Intensivstation. Aufgrund von Medikamenten, bekommt sie nicht viel mit. Wir hoffen zwar das Beste, aber wissen jetzt noch nicht, wie es mit ihr weiter geht. Aber jedes Mal, wenn sie mich erkennt, fragt sie nach Moppel. Und wenn ich eine Geschichte von ihm erzähle, dann lächelt sie kurz. Ich glaube, er könnte auch ihr helfen, wieder gesund zu werden. Leider darf er das Krankenhaus nicht betreten. Aber sobald wir sie mit einem Rollstuhl vor die Tür schieben können, wird auch Moppel sie besuchen.

 

 

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