Die Nachtwache

Wenn die Nächte wärmer werden und die tödlichen Pollen weniger geworden sind, beginnt die Zeit, dass das Fenster während der Nacht sperrangelweit geöffnet bleibt.

Das ist immer der Moment, wenn Moppel zum Bewacher wird. Von jetzt auf gleich ist er der Meinung, dass jedes Geräusch außerhalb des Fensters ein Mörder sein muss, der gerade versucht in die erste Etage zu klettern, um uns alle umzubringen. Besonders schlimm ist es, wenn das schwarze Getier mit im Bett liegen darf. Er bellt zwar nicht, aber er hält mich durch seine pure Schnappatmung, welche das gesamte Bett zum Wackeln bringt, wach. Daraufhin fliegt er vom Bett und muss auf sein Kissen. Witzigerweise legt er sich dort hin und entflieht sofort in das Land der Träume. Total egal, was vor dem Fenster passiert. Kennt ihr das, wenn man als Kind dachte, dass man vom Monster gefressen wird, wenn ein Körperteil über die Bettkante hinausragt, aber innerhalb des Bettes war man total sicher? So ähnlich ist es mit Moppel und seinem Kissen.

Das war vor einiger Zeit noch anders. Oft stand er dann mit den Vorderpfoten auf der Heizung, um besser sehen zu können. Dank seiner fehlenden Größe, hat er zwar trotzdem nix gesehen, aber verstehe einer diesen Hund. Da hat er auch spät abends, wenn ich schon im Land der Träume war, Hunde angepöbelt, die er zwar nicht sehen konnte, die aber vor SEINEM Fenster mal etwas lauter gegrunzt haben. Vor lauter Schreck, dass der Schwarze durch das offene Fenster springt, stand ich immer sofort im Bett. Manchmal räche ich mich jetzt dafür. Wenn draußen ein bellender Hund vorbei läuft, habe ich nämlich noch die Angewohnheit „MOPPEL AUS!“ zu rufen. Dummerweise hat der dann gar nix gemacht, weil er nämlich tief schlafend auf seinem Kissen liegt. Allerdings schreckt er dann genauso hoch wie ich. Rache ist Blutwurst!

Wenn man Moppel genauer kennt, sind seine nächtlichen Wachaktionen nur noch lächerlicher.

Mittlerweile geht vor allem Benni abends mit ihm die letzte Runde. Das hat vor allem den Grund, dass Moppel- dank seiner Paranoia- im Dunkeln in irgendwelche Gebüsche starrt oder plötzlich vor sich hin knurrt. Da ich auch etwas ängstlich veranlagt bin, schaukeln der Hund und ich uns gegenseitig hoch, bis ich mich fühle, als wäre ich mitten in einem Horrorfilm gefangen. Glücklicherweise ist uns der Axt-Mörder, den das schwarze Tier hinter jedem Gebüsch sieht, bisher noch nie begegnet.

Aber auch mit Benni bekleckert sich die schwarze Bestie nicht gerade mit Heldenmut. So wurde zum Beispiel ein Igel erst todesmutig beschnuppert, nur um dann die Flucht zu ergreifen. Im Zweifel ist es auch sicherer einen Haufen mit Sperrmüll anzubellen. Damit der gleich weiß mit wem er es zu tun hat. Erst vor einigen Tagen hat er einen Marder unter dem Auto vom Nachbarn entdeckt, wurde angefaucht und hat sicherheitshalber einen riesigen Sprung nach hinten gemacht.

Insgesamt ergreift er in den letzten Monaten immer häufiger die Flucht- was ja grundsätzlich eher positiv ist. So ging Benni einmal mit Moppel zum Pullern. Natürlich ohne Leine, weil ich mal eine Sekunde nicht aufgepasst hatte. Benni guckt wie immer an der Haustür und Moppel wartet hinter ihm. Jack Russell biegt um die Ecke, sieht Benni und rastet komplett aus. Ich sitze in der Stube und kriege direkt einen Puls von 180. Also gehe ich zur Wohnungstür, um im Treppenhaus nachzusehen, ob alles in Ordnung ist oder, ob ich die beiden evtl. retten muss. Aber vor der Tür saß schon ein kleines schwarzes Häufchen Elend mit eingezogenem Schwanz, welches ganz selbstverständlich an mir vorbei ins Schlafzimmer ging und sich auf das Bett legte. Im gleichen Moment kam Benni wieder in der Wohnung an und erklärte, dass Moppel direkt beim ersten Beller die Flucht nach oben angetreten hat. Frei nach dem Motto: „Na dann zieh ich es halt hoch bis morgen Früh.“ Wir mussten ihm dann noch ein paar Mal gut zureden, bevor er sich dann doch ganz mutig noch einmal bis an die Hecke vor der Haustür traute, nur um direkt wieder rein zu wollen.

So hat sich in den letzten Monaten einiges in Moppels Verhalten verändert. Nur zwei Dinge sind gleich geblieben in der Nacht. Erstens müssen bis Benni von der Spätschicht kommt die Türen offen bleiben, damit er kontrollieren kann, wer da so spät nachts in die Wohnung will, obwohl er schon hört wie unten die Haustür aufgeht und Benni sein Fahrrad in den Keller bringt. Wenn Benni dann im Bett liegt, muss die Schlafzimmertür geschlossen werden. Sonst tigert der schwarze Panther die ganze Nacht rastlos durch die Wohnung, weil sein zu bewachendes Revier dann ja noch größer ist.

Das Einzige, was er in seiner Funktion als Nachtwache erfüllt, ist die Farbe. Diese nutzt er zur Tarnung. Dann schleicht er sich in der Nacht an das Bettende und breitet sich dort aus. Er ist an der Stelle komplett unsichtbar. Nur das Weiß der Augen ist noch zu erkennen, wenn sie denn geöffnet sind. Wenn Benni dann schlaftrunken das Fenster schließen muss, weil es begonnen hat zu regnen, fällt er regelmäßig über den Hund, ich schrecke sofort hoch und der Hund ist genervt, weil er geweckt wurde.

So haben wir im Schlafzimmer unseren Spaß. Mein Puls wäre nachts viel zu niedrig, wenn Moppel nicht ab und an mal für etwas Adrenalin sorgen würde. Polizeihund wird er nicht mehr- dafür ist er zu ängstlich, aber vielleicht wurde er als Therapiehund ausgebildet und weiß genau, wann mein Puls zu ruhig wird und dann schreitet er ein, um mich zu retten- das wäre doch eine Erklärung…

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