Die Schreckenswoche 2014

Zum Sonntag muss ich einmal ernstere Worte anschlagen. Vergangene Woche habe ich nämlich erfahren, dass Moppel Schwester Tappsy unter einem großen Tumor leidet, der auf ihr Rückenmark drückt. Ich kenne weder sie noch ihre Besitzer persönlich, aber durch Erzählungen kann ich mir vorstellen, dass sie Moppel wahnsinnig ähnlich ist. Auf jeden Fall ist das Aussehen der beiden Wurfgeschwister fast gleich.

Und prompt war ich wieder in diese eine Woche vor 3 Jahren zurückversetzt. Alles begann genau am 6. April 2014. Das weiß ich noch so genau, weil es Bennis Geburtstag ist. Wir beide waren damals noch kein Paar, ich wohnte noch bei meinen Eltern und wir besuchten zu diesem Zeitpunkt gerade mal keine Hundeschule. Es war ein relativ warmer Tag für April und wir verbrachten den gesamten Nachmittag im Garten. Am Abend wollte ich mich dann zu Benni aufmachen. Also packte ich noch einige Dinge in meinen Kofferraum. Ich merkte dabei, wie Moppel immer unruhiger wurde, weil er zu ahnen schien, dass ich ohne ihn wegfahren würde. Damals war es noch kaum möglich, dass sich Benni gemeinsam mit Moppel zusammen in einem Raum aufhielt.

Hinter meinem Carport befindet sich ein Absatz, der ungefähr so hoch ist wie die Ladekante eines Autos. Moppel nutzte sie oft, um in den Kofferraum zu springen, welcher damals noch sein Platz beim Autofahren war. Irgendwann kam es dann dazu. Alle passten eine Sekunde nicht auf, Moppel rannte zu dem Absatz, setzte zum Sprung an und rutschte wahrscheinlich ab. Auf jeden Fall landete er mit seiner Brust (so sah es damals aus) direkt auf der Ladekante des Autos. Er gab nur einen markerschütternden Schrei von sich, welcher ewig zu dauern schien. Nix konnte ihn beruhigen. Als wir ihn aus dem Kofferraum heben wollten, schrie er nur noch lauter. Wieder auf dem Boden abgesetzt, hörte er zwar auf zu schreien, aber er lief sofort in einen kleinen alten Schuppen und verkroch sich dort. Er saß dann auf dem kalten Boden und übergab sich mehrere Male.

Wir versuchten sofort einen Notfall- Tierarzt zu erreichen. Schließlich war ja Ostern. Der sagte mir am Telefon, dass sich Moppel wahrscheinlich einfach den Brustkorb geprellt hatte und alles nicht so schlimm sei. Also ließ ich Moppel nach einer weiteren Stunde Beobachtung bei meinen Eltern und fuhr zu Benni.

Als ich nach ein paar Stunden wieder kam, war der Hund zwar mit ins Haus geschlichen, aber seine Gesamtsituation war unverändert. Also rief ich den diensthabenden Tierarzt erneut an und nachdem ich mit ihm diskutiert hatte, stimmte er zu sich mit uns an seiner Praxis zu treffen. Wir klappten alle Sitze um und legen Moppel vorsichtig auf die entstandene Liegefläche. Jede Bodenwelle wurde mit einem Wimmern kommentiert.

Der Tierarzt wirkte sichtlich genervt, dass er mitten in der Nacht sein Haus verlassen musste. Er tastete Moppel ab und blieb bei seiner Meinung des geprellten Brustkorbes. Er spritzte ihm ein Schmerzmittel und überbrachte uns eine lange Rechnung. Mir fiel zu diesem Zeitpunkt schon auf, dass Moppel weder den fremden Arzt anbellte, noch dessen Dackel, den er mit in die Praxis gebracht hatte. Ich ärgere mich bis heute, dass ich nicht auf eine genauere Untersuchung bestanden habe. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was noch kommen sollte.

Die Schmerzspritze schien gar nix zu bringen. Moppel konnte keine Treppen mehr aus eigener Kraft steigen und er schien sichtliche Schmerzen zu haben, wenn er angehoben wurde. Außerdem war sein Bauch fürchterlich hart.

Also stand ich direkt nach Ostern wieder beim Tierarzt, diesmal bei unserem Haustierarzt, der Moppel und mich kennt. Zum ersten Mal saß ich an diesem Tag übrigens bei ihm im Wartezimmer. Und auch der Tierarzt konnte Moppel ohne Maulkorb untersuchen. Er schien sogar noch dankbar zu sein, dass ihm geholfen wurde. Unser Tierarzt erklärte uns als erstes, dass wir ihn in so einem Fall auch zu einem Feiertag mitten in der Nacht anrufen könnten. Er entschied sich dann für ein Röntgenbild. Ich konnte zum Glück bei Moppel bleiben. Nur dummerweise wackelte er etwas als das Bild gemacht wurde. (Zumindest dachten wir das.) Das sah man dann auch auf dem Röntgenbild. Alle Organe waren leicht verschwommen und eine Blase war gleich gar nicht zu erkennen, aber laut Tierarzt sah alles soweit okay aus. Also gab es wieder eine Schmerzspritze und Antibiotikum und den Hinweis, dass wir noch einmal kommen sollen, wenn sich nix ändert.

Die Nächte mit Moppel wurden immer schlimmer. Er schlief kaum sondern tigerte hin und her. Er fraß nix. Besonders schlimm war für mich anzusehen, wie sehr er sich verändert hatte. Die Treppen hatte er sonst immer im Galopp genommen. Und die 200 m Garten war er im Tiefflug gelaufen, wenn er Opa am anderen Ende gesehen hatte. Jetzt trug ich ihn die Treppen hoch und runter und musste im Garten alle zwei bis drei Schritte auf ihn warten, damit er noch hinter herkam. An Spaziergänge oder spielen war gar nicht zu denken.

Beim Aufräumen stellte ich dann fest, dass überall in meinem Zimmer kleine Pullerflecken verteilt waren. Die waren sogar relativ oft versteckt in Ecken, wo Moppel bisher nie war. Ich konnte mir das dann auch nicht erklären, da wir ja oft mit ihm im Garten waren und er, meiner Meinung nach, immer pullerte. Ich beobachtete also seine Pullergänge etwas genauer und musste feststellen, dass er erstens nicht einmal mehr die Kraft hatte sein Bein zu heben und zweitens, dass kaum etwas rauskam. Immer nur ein paar Tröpfchen.

Bis zu diesem Zeitpunkt schaffte ich es noch mir einzureden, dass alles gar nicht so schlimm war. Doch dann begann er unkontrolliert Wasser zu trinken, nur um es direkt wieder auszubrechen. Da lief es mir eiskalt den Rücken herunter.

Wir machten uns also wieder auf zum Tierarzt. Ich erzählte, was ich die letzten Tage beobachtet hatte und der Tierarzt machte so ein komisches Gesicht, was mich nicht gerade beruhigte. Dieses Mal nahm er Blut. Auch das ließ Moppel über sich ergehen. Er war insgesamt mittlerweile oft weggetreten und teilnahmslos. Als ein paar Minuten später die Ergebnisse da waren ging ich in das Behandlungszimmer und sagte: „Ich hoffe Sie sagen mir jetzt, dass alles gar nicht so schlimm ist, wie es aussieht.“ Aber er schüttelte nur den Kopf. Vielmehr erklärte er mir, dass er noch nie so schlechte Leber- und Entzündungswerte gesehen hatte und dass es ein Wunder ist, dass Moppel noch bei uns war. Der nächste Schritt war dann ein Ultraschall. Mittlerweile standen noch eine weitere Ärztin, welche gerade erst ihr Studium beendet hatte und mehrere Schwestern im Zimmern.

Der Ultraschall zeigte dann auch das eigentliche Problem: Moppel hatte keine Blase mehr. Die war geplatzt. Das erklärte die unscharfen Organe auf dem Röntenbild, die schlechten Blutwerte und auch, warum er nicht mehr pullern konnte. Sein gesamter Bauch war voller Urin. Er war eine halbe Woche mit einem Bauch voller Urin rumgelaufen!

Danach lief alles nur noch wie in einem Film. Ich weiß noch, dass Papa, der auch mit dabei war, mir sein riesiges Stofftaschentuch reichte, obwohl er selber Tränen in den Augen hatte. Außerdem sagte der Tierarzt noch, dass sofort operiert werden müsste. Ich fragte noch, ob er mir versprechen könnte, dass ich Moppel wiedersehe. Aber der Tierarzt meinte nur, dass es sehr schlecht aussehe und er nix versprechen könnte. Er würde erst während der Operation sehen, wie schlimm es wirklich war und sich dann melden. Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er mich nicht fragte, ob er ihn direkt einschläfern soll. Vielleicht glaubte er auch, dass er es schaffen könnte, aber er wollte mir nicht zu viele Hoffnungen machen.

Als Moppel die Narkose erhielt, sah es fast so aus, als würde er lächeln.

Ich war außer mir. Es dauerte 6 Stunden bis ich eine Antwort erhielt. Niemand wusste wie man mich trösten konnte, weil alle wussten wie schlecht es aussah.

Um 16.00 Uhr kam dann der Anruf, dass Moppel wach sei und auf seine Abholung wartet. Da hat mich dann nix mehr gehalten. Wir sind sofort los gefahren. Nach einiger Wartezeit wurde ich dann endlich zu meinem Hund gebracht. Dort lag er dann, wie ein Häufchen Elend auf Decken und Unterlagen, die alle vollgepullert waren. Als er mich sah, hat vor lauter Freude der ganze Hund gewackelt. Wäre er nicht noch ein bisschen betrunken von der Narkose gewesen, wäre er wahrscheinlich über die Absperrung gesprungen. Da sind dann schon wieder alle Dämme bei mir gebrochen. Aber dieses Mal hatte ich eigene Taschentücher dabei.

Der Tierarzt erklärte dann, dass er einen solchen Fall erst einmal in seinen 30 Jahren Berufserfahrung gesehen hatte. Moppels Blase war förmlich explodiert und sein gesamter Bauchraum entzündet. Der Arzt hatte sogar Fotos gemacht und versuchte uns auf diesen zu erklären, wo die Blase war und wie sie aussah. 20 Minuten der Operation mussten sie erst einmal nur Urin absaugen. Mir war das alles egal. Ich war einfach nur froh meinen Hund gesund und munter wieder zu haben.

Zu Hause schlief Moppel seine Narkose dann aus. Erst nach einigen Stunden stand er auf, schwankte nach draußen, stolperte die Treppe herunter (was wirklich gefährlich aussah) und pullerte an den nächsten Busch. Das war vielleicht eine Erleichterung sowohl bei mir als auch bei ihm.

Danach begann die Arbeit für mich. Die Blase war zwar geflickt aber klein. Sie musste sich erst wieder weiten. Das hieß am Anfang alle zwei Stunden raus mit ihm. Einmal dachte ich mir: 5 Minuten gehen noch und stellte den Wecker weiter. In den 5 Minuten plätscherte es dann. Woche für Woche arbeiteten wir uns dann voran und heute ist alles wie vorher.

Nun gut, Moppel ist anfälliger für Blasenkrankheiten. Wir müssen aufpassen, dass sein Bauch nicht zu lange kalt oder nass ist, aber das ist okay. Der Tierarzt guckt immer ein bisschen stolz, wenn wir mit Moppel kommen und ich habe seitdem immer eine eigene Packung Taschentücher dabei.

Die Rechnung war natürlich immens. Glücklicherweise konnte ich mir das Geld bei meiner Oma leihen und dann abstottern.

Übrigens hätte ich Moppel zwei Tage nach seiner Operation schon wieder die Hammelbeine lang ziehen können. Da Moppel ja doch recht sensibel ist, hatte der Tierarzt sich gegen eine Halskrause ausgesprochen. Deswegen hatte ich ihn selbst ein Ganzkörperkondom gebastelt. Sogar ich hatte Probleme es ihm auszuziehen. Moppel anscheinend nicht. Und so hatte er nach zwei Tagen seine riesige Narbe aufgeleckt. Ich erkannte das daran, dass er wieder rumlief wie so ein geprügelter Hund. Naja, der Rückschlag war noch zu ertragen. Dieses Mal konnten wir übrigens nicht mehr im Wartzimmer warten. Der Herr musste schon wieder pöbeln.

Ich habe mir ganz lange Vorwürfe gemacht, aber ich konnte nix dafür. Es war einfach eine wirklich blöde Verkettung von unglücklichen Umständen. Was ich wirklich gelernt habe: Nach solchen Vorfällen wird der Hund nicht mehr aus den Augen gelassen und genauestens beobachtet. Alles wird dann dem Tierarzt gesagt. Auch wenn es noch so unwichtig scheint. Und ich rufe seitdem immer zuerst unseren Haustierarzt an.

Wir hatten damals unendliches Glück und ich bin dem Tierarzt unendlich dankbar, dass er es geschafft hat, alles wieder zusammen zu basteln. Und Moppel bin ich dankbar, dass sein kleines  Kämpferherz nicht aufgegeben hat. Auch wenn er nicht immer ein Vorzeigehund ist, so hab ich ihn ja eigentlich doch ganz gern und allein der Gedanke, dass es damals anders gelaufen wäre, treibt mir die Tränen in die Augen.

Moppels Schwester hatte leider nicht so viel Glück. Sie hat diese Welt mit gerade einmal 6 Jahren verlassen. Ich hoffe, sie kommt gut über die Regenbogenbrücke!

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