Lieber Dackelbesitzer,

du wohnst noch nicht so lange in der Nachbarschaft. Das erste Mal habe ich dich und deinen Dackel gesehen, als die Maler bei euch in der Wohnung waren. Du bist ein Stück mit deinem Dackel gegangen und hattest dabei einen Zergel in der Hand. Dass jemand mit seinem Hund spielt, hatte ich bis dahin noch nicht hier gesehen. Da dachte ich noch: „Wow! Endlich mal jemand mit gut erzogenem Hund, der sich wirklich mit ihm beschäftigt.“

Naja. Der Eindruck hat nicht lange gehalten. Schon nach kurzer Zeit warst du hier im Viertel ohne Leine unterwegs. Dein Hund war teilweise mehrere hundert Meter weit weg von dir. An der Tür hast du nicht kurz geschaut, ob die Luft rein ist, sondern hast sie einfach geöffnet und der Hund ist rausgerannt.

Ich habe das alles mit Argwohn beobachtet. Ich bin ängstlich, wenn ich mit Moppel unterwegs bin, wegen genau solchen Menschen wie dir. Ich habe einfach keine Lust mehr Rücksicht zu nehmen und allen erklären zu müssen, warum niemand meinen Hund zu nahe kommen darf. Aber ich tue es trotzdem- für meinen Hund.

Ich finde es ja toll, dass du barfuß über den Parkplatz läufst, um bei 30°C im Schatten zu testen, ob der Asphalt zu heiß für deinen Hund ist, aber erstens kann man sich dafür ruhig ein T-Shirt anziehen und zweitens muss man sich nicht mittig auf den Parkplatz legen, um sich zu sonnen, während der Hund macht, was er will. Erst recht nicht, wenn eine andere Familie am Auto steht und darauf wartet, dass du deinen Hund einsammelst, damit sie ihren eigenen endlich aus dem Auto lassen können, um zur Wohnung zu gehen. Das waren übrigens wir. Damals hast du es noch geschafft deinen Hund rechtzeitig einzufangen.

Kurze Zeit später bist du Rad gefahren. Dein Sohn saß auf der Querstange (ohne Fahrradhelm) und dein Dackel war an den Lenker gebunden. Benni und ich haben Reifen gewechselt. Dein Dackel hat dir direkt den Lenker verzogen, weil er kläffend auf uns zugerannt kam. Der wollte nicht freundlich „Hallo“ sagen. Der wollte uns den Arsch aufreißen. Ich habe in der Sekunde nur die Gefahr für das Kind gesehen. Was passiert, wenn der Hund samt Leine in das Fahrrad rennt. Den Hund auszulasten ist das eine. Aber das eigene Kind (Ich gehe davon aus, dass es dein Kind ist.) ist auch wichtig.

Letzten Sonntag war es dann so weit. Benni war mit Moppel Fahrrad fahren. Dein Hund kam ohne Leine direkt in Moppel gerannt. Du hast nicht einmal versucht ihn zu rufen. Zum Glück hat Benni das Elend kommen sehen und konnte rechtzeitig bremsen. Als er das Fahrrad zur Seite fallen ließ (dabei ging übrigens seine Bremse kaputt), waren die Hunde schon ineinander verknotet. Moppel saß einfach da- total überfordert mit der Situation. Benni hat DEINEN Hund dann von Moppel abgelesen und ihn weggeschubst. Das wäre DEINE Aufgabe gewesen, aber du hast dich keinen Zentimeter bewegt. Du warst ja in ein Gespräch vertieft. Stattdessen hast du Benni noch erklärt, dass du immer ohne Leine spazieren gehst. Nebenbei bemerkt hatte dein Hund nicht einmal ein Halsband, was Benni hätte greifen können, da du ja Retrieverleinen nutzt. Die sind ja „sooooo praktisch“. Ja sind sie. Wenn man mit seinem Hund arbeiten möchte.

Hast du eine Sekunde nachgedacht, was passiert wäre, wenn Moppel deinen Dackel gebissen hätte? Oder dein Dackel bei Moppel oder Benni zugeschnappt hätte? Was passiert wäre, wenn ein Auto deinen Hund erfasst hätte, als der zweimal über die Straße lief?

Sei einfach dankbar, dass weder Benni noch Moppel etwas passiert ist. Die Konsequenzen hätten dir nicht gefallen. Aber wahrscheinlich wären sie dir egal gewesen, so wie euch alles egal ist.

Du gehörst zu der Gattung der dummen Egoisten. Du denkst keine einzige Sekunde darüber nach, welche Konsequenzen dein Verhalten hat. Damit gehörst du in die gleiche Kategorie wie die ganzen Flexi-Leinen-Nutzer, alle „Die-müssen-das-unter-sich-klären“ und jeden „Der-will nur-mal-schnuppern“.

Ich habe die Schnauze gestrichen voll von euch! Ich will euch mal etwas über die Konsequenzen sagen: Wir rennen seit 2 Jahren mit Moppel zur Hundeschule, um ihn dazu zu bringen uns zu 100% zu vertrauen. Heute waren wir wieder dort. Es hat sich rausgestellt, dass dein Egoismus uns mindestens ein halbes Jahr im Training zurück geworfen hat. Wir wissen nicht, wie lange wir brauchen, um das wieder aufzuholen. Für 6 Monate Training reden wir hier von einem nicht gerade geringen 4-stelligen Betrag. Eigentlich sollten wir den von dir zurückfordern. Das Geld hätten wir in ein Haus investieren können. Eines in kompletter Alleinlage, wo wir nicht mehr ständig auf solche Idioten treffen. Aber wir haben uns entschieden, dass wir einen alltagstauglichen Hund wollen. Einen, der später freundlich zu unseren Kindern ist. Einen, mit dem ich eine Freundin auch mal vom Bus abholen kann. Und einen, dem wir vertrauen können, dass er niemanden zerfleischt.

Vertrauen. Das ist auch so eine Sache. Die Hundeschule ist nämlich nicht nur für Moppel. Sondern auch für mich, damit ich lernen meinem Hund  zu vertrauen. Ich wurde mindestens 2 Jahre im Training zurück geworfen. Auch wenn Moppel nach einigen Wochen wieder auf seinem alten Stand ist, so werde ich viel länger brauchen.

Wir haben Wünsche und Träume mit unserem Hund. Er soll uns auf unsere Hochzeit begleiten. Irgendwann wünschen wir uns einen zweiten Hund (auch wenn das noch lange dauern wird).  Und es klingt jetzt vielleicht total banal: Ich möchte einmal mit meinem Hund ein Eis essen gehen, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Ein Egoist wie du würde das einfach tun. Ich sehe die vielen Gefahren. Sind dort andere Hunde? Wie halte ich evtl. Kinder fern? Wird er die Verkäuferin oder die Bedienung anbellen? Wird er sitzen bleiben ohne zu jammern? Vielleicht hätte ich es schon lange wagen können und in den letzten Wochen habe ich oft überlegt es zu tun, aber jetzt habe ich es auf unbestimmte Zeit verschoben.

Unabhängig davon werde ich seitdem in der Nacht wach, weil Moppel sich die Gelenke leckt. Anscheinend konnte er den Schock noch nicht verdauen. Immer wieder erwische ich ihn dabei. Ich hoffe, dass es kein permanenter Schaden ist.

Wir werden in den nächsten Wochen die Daumenschrauben bei Moppel wieder anziehen müssen. Es ist nicht toll strenger als notwendig zu dem eigenen Hund sein zu müssen, nur damit viele andere ihre Hunde gar nicht erziehen müssen.

Leider bist du nicht der einzige Egoist. Ich würde euch gern allen einmal den Kopf waschen, aber das geht leider nicht. Stattdessen gehe ich weiter zur Hundeschule. Und wenn ich mit Moppel aus der Tür trete, so bin ich jedes Mal bis in die letzte Zelle angespannt und hoffe, dass ich niemanden von euch treffe. Ein beschissenes Gefühl um ehrlich zu sein, weil man sich jeden Spaziergang genau überlegt.

In diesem Sinne: Ich hoffe, ich treffe dich nie wieder.

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