Vom Pech einen erzogenen Hund zu haben

Seit 2,5 Jahren gehen wir regelmäßig mit Moppel zur Hundeschule. Seit 1,5 Jahren sogar mindestens einmal pro Woche. Und es hat sich wirklich viel getan. Heute läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich an den ersten Einzeltermin, die erste Gruppenstunde und das erste mehrwöchige Seminar denke. Bestie war in diesem Fall die Untertreibung des Jahrhunderts! Ich war permanent damit beschäftigt mir ein Loch zu wünschen, was sich vor mir auftut, damit ich hinein springen kann und zu hoffen, dass die Menschen nicht allzu schlecht von dem Hund und mir denken. Benni war das schon immer eher egal. Er musste mich unzählige Male hinterher aufbauen, damit ich weiter mache. Immer in der Hoffnung, dass unser Hund irgendwann „normal“ wird.

Und nun? Man sollte ja meinen, dass wir uns über Moppels Erfolge freuen. Immerhin arbeitet er in der Hundeschule meistens vorbildlich mit und insgesamt sucht er immer öfter einen Ausweg als die Konfrontation. Ich kann mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gebellt hat. Evtl. war es vor über einem Monat in der Freilaufgruppe. Ich und zufrieden? Denkste! Auf einmal tauchen ganz andere Probleme auf, mit denen man vorher nie gerechnet hätte.

Früher lief es in etwa so ab: Die schwarze Bestie steigt aus dem Auto und erklärt erst einmal allen, dass er sie scheiße findet. Die Menschen erschrecken sich, dass solche „gefährlichen“ Hunde in die Hundeschule dürfen und halten ganz von allein Abstand. Ein paar Monate später hat er immerhin noch bei allen die ihm zu nahe kam einen Ausraster bekommen. Jetzt macht er das nicht mehr. Große Kacke für mich! Die Menschen, zumindest die die ihn nicht von Anfang an kennen, halten nämlich keinen Abstand mehr. Für die „Neulinge“ ist das ein völlig normaler, halbwegs erzogener, sozialverträglicher Hund. Vielleicht ist er das auch, aber innen drin ist Moppel noch immer der kleine, schwarze, paranoide Hund mit Aufpasser-Komplex und viel zu kurzen Beinen. Ich weiß das- die anderen nicht. Was macht man also als total vernünftige, verantwortungsbewusste Hundebesitzerin? Richtig! Ich übernehme Moppels Rolle. Okay, ich schreie nicht rum. Ich glaube, dann dürfte ich auch nicht mehr zur Hundeschule kommen. Ich habe mehrere Taktiken, die sich ganz gut bewährt haben. Erstens ich fange schon im Auto an düster zu gucken. So richtig böse. Einmal hab ich das Gesicht nach der Hundeschule nicht abgelegt. Als ich daheim ankam, hat mich Benni direkt gefragt, was er falsch gemacht hat. Es scheint also zu funktionieren. Zweitens lasse ich den Hund im Auto bis die Stunde anfängt. Zum einen finde ich, das gehört sich so und schont meine und Moppels Nerven. Zum anderen finden andere Menschen das fürchterlich seltsam. Drittens vermeide ich Gespräche. Meistens unterhalte ich mich nur mit anderen Hundebesitzern, die ich kenne und die auch meine und Moppels Individualdistanz wahren. Das wirkt zwar alles fürchterlich unhöflich, aber es hat den großen Effekt, dass die anderen Hundeschulgänger sich von mir fern halten und somit auch von dem Hund. So gehe ich auch meiner absoluten Horrorvorstellung aus dem Weg, dass mir eine Unterhaltung ans Bein genagelt wird und die andere Person samt Hund immer näher kommt.

Außerdem gehe ich immer als letzte auf den Platz und auch als letzte wieder zum Auto. Da muss ich nur in eine Richtung aufpassen, dass ich niemanden zu nahe komme. Letzte Woche wollte ich versuchen einmal als erste aus der Halle zu verschwinden. Auf einmal steht ein Hund 20cm neben Moppel und der passende Mensch dazu 10cm hinter mir. Vor lauter Schreck bin ich direkt zur Seite gesprungen. Gott sei Dank habe ich einen Futtervernichter auf 4 Beinen, den gerade nur meine Futtertasche interessiert hat. Damit war klar: Never change a running system!

Auch stand unser Auto vor einiger Zeit noch für Gefahr. Niemand stand auch nur in der Nähe des blauen Autos, weil sie genau wussten, dass dort der schwarze Hund rein musste. Dann kamen die unvoreingenommenen Welpenbesitzer, die einfach nicht lernen wollen, dass manche Hunde andere Hunde nicht leiden können. Deshalb hier noch einmal: Auch wenn Moppel nicht bellt und schon gar nicht eure Welpen zerfleischen würde, er findet andere Hunde einfach nicht so prall. Er hat momentan eine Freundin und wird sich bestimmt noch ein paar andere Verbündete suchen. Ansonsten muss er keinen Kontakt zu anderen Vierbeinern haben und deswegen sollte auch seine Individualdistanz respektiert werden! Ich mag ja auch keine Menschen, die mir zu nahe kommen. Stellt euch einfach vor ihr steht mitten auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Wer fühlt sich denn in dem Gedrängel noch wohl, wenn man sich kaum noch bewegen kann? Und wer möchte dann bitte auch noch Menschen kennenlernen und sich mit denen anfreunden? NIEMAND!

Ähnliches gilt für Menschen. Noch vor einiger Zeit durfte ihn nicht mal die Trainerin zu nahe kommen. Mittlerweile ist er der Bettelprinz. Zuhause bekommt er ja nie Futter! Absolut nie nie nie! Und überhaupt bekommen immer alle anderen Hunde besseres Futter als Moppel. Deswegen hat er es sich zur Aufgabe gemacht Leckerlies von den anderen abzustauben. Am Anfang war das noch ganz lustig. Mittlerweile ist es nur noch anstrengend.

Über die letzten Jahre hinweg haben wir so einige Vorträge, Seminare, Gruppenstunden, Trainingsstunde usw. besucht. Jetzt läuft Moppel ganz gut in der Linie. Wie geht’s jetzt weiter? Es gibt tatsächlich nur noch selten Kurse, die wir noch nicht besucht haben. Manchmal gehen wir tatsächlich nur noch einmal wöchentlich zur Hundeschule. Ich habe so viel freie Zeit, dass ich gar nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Selbstverständlich könnte ich mir einen Hundesportverein suchen, um einer Hundesportart intensiver nachzugehen. Wäre da nicht, das bereits beschriebene Problem! Die kennen Moppel einfach nicht. Sie wissen nicht wo er angefangen hat und wie lang der Weg bis hierher war. Ein freilaufender Hund könnte alles wieder kaputt machen. Das Risiko ist mir wirklich zu groß!

Doch Probleme gibt es nicht nur in der Hundeschule. Fremde Menschen rennen auf mich zu, wenn ich mit Hund in der Haustür stehe und erstmal abchecke, ob die Luft rein ist. Weil Moppel nicht mehr auf 3m Abstand rumbrüllt, würden sich diese Personen auch am Hund vorbei drücken, wenn ich nicht schnell einen Sprung zur Seite machen würde.

Früher bedeutete unsere Haustür Gefahr. Alle Hundebesitzer schlichen sich schnell daran vorbei. Jetzt stehen sie stundenlang davor, um sich mit Nachbarn zu unterhalten. Oder sie spielen mit ihren Hunden (Tatsächlich scheinen wir auch einen positiven Einfluss zu haben- die Nachbarn spielen mit ihren Hunden!) auf der Wiese gegenüber unserer Tür. Natürlich wissen sie nicht, dass ich hinter unserem Küchenfenster stehe und warte, dass sie weggehen, damit ich mit Moppel mal kurz pullern gehen kann.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass früher alles besser war. Eigentlich gar nicht. Ich bin wahnsinnig zufrieden mit der Entwicklung vom Stinktier. Im Grunde hat mir Moppel in der Vergangenheit einfach die Arbeit abgenommen. Jetzt bin ich dran! Er hatte 2,5 Jahre Zeit aufzuhören Hunde und Menschen anzubellen. Vielleicht fange ich dann im Gegenzug in 2,5 Jahren an Menschen und Hunde anzuschreien? Ich hoffe ja nicht. Vielleicht klebe ich mir auch einfach ein Schild auf den Rücken und auf die Brust „Bitte 5m Rangierabstand halten“. Die gibt’s doch bestimmt zu kaufen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh, das kenne ich. Leider ist meine „Bestie“ nicht mal schwarz, sondern sieht auch noch niedlich bunt aus. „Der ist doch ganz lieb, sieht man doch“, sagen die Leute und wundern sich, dass ich ihn immer abschirme. Mittlerweile ist er auch „lieb“ bei Begegnungen – solange etwas Abstand gewahrt wird…

    Herzliche Grüße,
    Nora mit Mia und Kalle

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    1. Manchmal ist es wirklich gut einen komplett schwarzen Hund zu haben. Die Farbe scheint vielen Menschen Angst zu machen. Trotzdem kenne ich die Situation. Besonders schön wird es, wenn sie sich auch noch nach vorn überbeugen, um nach dem Hund zu greifen…

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